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Zwischen Chips und Lego-Steinen

Nachricht von: Kreisbote
Landsberg, 20.01.2012 09:00


Von PATRICIA ECKSTEIN


Landsberg – Es ist der Albtraum aller Eltern: das Kind liegt im Bett, will partout nicht schlafen und demontiert mit seinem permanenten Gequengel alle Chancen auf einen gemütlichen Abend. Noch schlimmer, wenn plötzlich wichtiger Besuch vor der Tür steht. Welche Konsequenzen sich daraus ergeben können, zeigt das Stück „Drei Mal Leben“ der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza in drei Varianten. Die „landsberger bühne“ feiert am Freitag Premiere im Stadttheater.
Henri (Harald Dollinger) und Sonja (Daniela Echterbruch), ein modernes Ehepaar, sie erfolgreiche Geschäftsfrau, er etwas weniger erfolgreicher Astrophysiker, haben Henris Vorgesetzten Hubert Finidori (Franz Krauß) zum Abendessen eingeladen, in der Hoffnung, ihn ihm einen Förderer zu finden. Aber eigentlich erst am nächsten Abend. Der berühmte Gast platzt mit Gattin (Franziska Dietrich) mitten in das abendliche Chaos, in eine nur allzu bekannte Diskussion um die „richtige“ Erziehung des Sprösslings – Kekse nach dem Zähneputzen??? Auch das für den nächsten Abend ausgeklügelte Dinèr ist natürlich nicht bereit, mit Keksen, Chips und Wein versuchen Henri und Sonja, die Situation zu retten, doch die Nerven liegen blank, zumal Finidori Henri mit der Nachricht konfrontiert, einen Artikel gesehen zu haben, der Henris langjährige Forschungen überflüssig machen könnte.
Aus dieser Grundsituation heraus ergeben sich drei Versionen für den Verlauf des weiteren Abends, ausgelöst von Kleinigkeiten, winzigen Bemerkungen oder Handlungen. Ein gruppendynamisches Experiment, ein Planspiel mit der ewigen Frage „Was wäre wenn?“ Aus Banalitäten entwickeln sich Streitereien, bröckeln gesellschaftliche Konventionen und eingespielte Rollenmuster und münden in einen Show-Down um Ehrgeiz, Arroganz, Neid und Versagensangst. Oder doch nicht? Wenn nun er…, oder sie vielleicht…?
Die Darsteller der „landsberger bühne“ unter der Regie von Claudia Dlugosch und Dietke Lichtenstern spielen die Varianten gekonnt durch, überzeugen in ihren Rollen. Keine leichte Aufgabe, denn „Drei Mal Leben“ ist ein reines Konversationsstück, nahezu inhaltslos, lebt allein von den Dialogen, die sich in Teilen gleichen und dann doch eine andere Richtung nehmen. Keine leichte Aufgabe auch für die Zuschauer, denn das emotionale Auf- und Ab, das Ahnen, was kommen könnte und besonders das lautstarke Kinderquengeln aus dem Off (Raphael Spatz) zerrt an den Nerven – besonders bei letzterem sah man ebenso gequälte Eltern förmlich zusammenzucken und spürte die kollektive Erleichterung, wenn dann Ruhe einkehrte. Auch dies ein Beweis dafür, wie es die Schauspieler verstanden, das Publikum trotz einiger Schwächen des Stücks in den Bann zu ziehen.


Landsberger Tagblatt vom 16.01.2012 

landsberger bühne

Wortreicher Schlagabtausch

„Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza unter der Regie von Claudia Dlugosch und Diedke Lichtenstern beeindruckt im Stadttheater  Von Alexandra Lutzenberger

Landsberg. Es war eine große Herausforderung, der sich die beiden Regisseurinnen Claudia Dlugosch und Diedke Lichtenstern stellten. Yasmina Rezas Stück „Drei Mal Leben“ ist ein Dauerbrenner in den Theatern, die Produktion im Jahr 2000 im Wiener Akademietheater mit Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Andrea Clausen und Sven-Eric Bechtolf setzte Maßstäbe und hat heute Kultcharakter. Ein Stück mit zwei Ehepaaren, die sich in Sachen Konflikte nichts schenken, aktionsreich allein durch die bösen Dialoge voller Wortwitz.

Eine Herausforderung, die die beiden Regisseurinnen mit der „landsberger bühne“ gut meisterten. Dlugosch und Lichtenstern lieferten ihre eigene Version. Diese ist dank eines meist einfühlsamen Umgangs mit den Figuren des Stücks und einer Besetzung, die zwar überraschend anmutet, aber sehr stimmig und gelungen im Resultat ist, sehr solide.

In Landsberg stehen Franziska Dietrich, Franz Krauß, Daniela Echterbruch und Harald Dollinger als Ehepaare auf der Bühne. Sie spielen mit Präzision und Geschick dreimal die gleiche Ausgangssituation: Ein Ehepaar kommt einen Tag zu früh zu einer Abendeinladung. Dreimal können die Zuschauer unterschiedliche Varianten erleben – die unterschiedlichen Reaktionen bestimmen die Situation.

Der Konflikt ist schnell klar. Gastgeber Henri (Harald Dollinger) plant als Astrophysiker eine erste Veröffentlichung nach langer Pause, und sein Gast Hubert (Franz Krauß) eröffnet ihm so nebenbei – zwischen zwei Appetithäppchen – dass seine ganze dreijährige Forschungsarbeit überflüssig sein könnte. Unterbrochen werden sie je nach Spielversion vom nervigen sechsjährigen Sohn, der im Nebenzimmer nur einschlafen will, wenn man ihn mit Essen vollstopft. Miriam Lichtenstern und Raphael Spatz spielen diese Rolle im Wechsel, allerdings ist nur ihre Stimme zu hören. Fast wartet man als Zuschauer schon darauf, wann denn das Geplärre wieder losgeht, denn die Reaktionen der Eltern sind durchaus vielfältig, manchmal auch sehr überraschend, bis hin zum Tobsuchtsanfall der Mutter.

Spritzige Dialoge, lebensnahe Personen

Ganz wie in Rezas Stück „Der Gott des Gemetzels“, das gerade von Polanski verfilmt in den Kinos läuft, findet man sich hier in normalen Alltagssituationen wieder, die allerdings rasch eskalieren. Selbst, wenn es nur darum geht, ob der Sohn im Bett nach dem Zähneputzen noch einen Apfel essen darf.

Alle vier Schauspieler liefern sich eine interessante, wortreiche Kissenschlacht, sprich einen rasanten Schlagabtausch. Besonders im ersten Teil sind die Dialoge spritzig, sehr lebensnah und treffen direkt – mitten ins Publikum. Denn diese Art der Konversation haben wir alle schon mal selbst erlebt.

Grob bösartig wertet Hubert seine Frau ab, die zwar meckert, ihn dadurch ebenfalls nervt, aber keine Konsequenzen zieht. Ein lange verheiratetes Paar, das seine Illusionen längst verloren hat. Hubert geht gerne mal als angenehme Abwechslung fremd – und stößt dabei bei der gelangweilten Frau (Daniela Echterbruch) von Henri auf Interesse. Denn ihr Mann Henri ist ihr viel zu unterwürfig und „kriecherisch“.

Die beiden Regisseurinnen nehmen ihre Figuren ernst, persiflieren oder überzeichnen sie nicht. Besonders gelungen ist der erste Teil der Inszenierung, dadurch erreicht das Stück eine ganz eigene Dynamik, die den Zuschauer mitreißt. Alle vier Schauspieler bieten eine beeindruckende Leistung, denn in diesem Stück gibt es keine Ablenkung durch Effekte. Nur die Schauspieler und ihre Sprache stehen im Mittelpunkt. Dialog und Mimik sind die einzigen Mittel, den Zuschauer zu fesseln. Das gelingt dem Team auch überzeugend – trotz einiger Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben. So muss Franz Krauß ständig Appetithäppchen oder Kekse essen und gleichzeitig reden, was nicht immer leicht ist.

Harald Dollinger ist sprachlich der Wortgewaltigste und fesselt schon alleine dadurch, allerdings neigt er im letzten Teil dazu, mimisch und gestisch seine Rolle zu überzeichnen.

Echterbruch und Dietrich ergänzen sich ideal. Echterbruch fesselt als talentierte Anwältin, die ihren Job teilweise aufgeben musste, obwohl sie die Ambitionen ihres Mannes eigentlich nicht so ganz ernst nimmt, und Dietrich gibt eine Hausfrau, die erst bei den Fragen der Kindererziehung auflebt und nur sehr wenig der perfiden Boshaftigkeit ihres Mannes entgegenzusetzen hat. Bei beiden merkt man die versteckten Frustrationen und Verletzungen – ein ruhiges Kammerspiel der besonderen Art. Die passende Musik (zum Partybeginn) und das zurückhaltende Bühnenbild von Christina Schorer tragen ebenfalls dazu bei, dass man hier einen sehr überzeugenden Theaterabend genießen kann, mit viel Sarkasmus, jenseits des Klamauks. Eine tolle Vorlage gut umgesetzt.



 

Der ganz normale Wahnsinn

„landsberger bühne“ spielt Yasmina Reza

Formularende

 

 

Landsberg.  Die Theaterfreunde in der Region erwartet ein Abend voller Ironie und schwarzem Humor. Denn am Freitag, 13. Januar, findet um 20 Uhr die Premiere des Stücks „Drei Mal Leben“ im Landsberger Stadttheater statt. Claudia Dlugosch und Dietke Lichtenstern von der „landsberger bühne“ zeigen damit nach Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ eine bissige Komödie der momentan meistgespielten französischen Theaterautorin Yasmina Reza, die sich mit dem ganz normalen Wahnsinn des modernen Lebens auseinandersetzt. In dem Stück hängt für Henri (Harald Dollinger) und seine Frau Sonja (Daniela Echterbruch) alles davon ab, einen Besuch des Ehepaares Hubert und Ines Finidori (Franz Krauß und Franziska Dietrich) perfekt zu gestalten, da sich Henri von Hubert Unterstützung bei seiner wissenschaftlichen Karriere verspricht. Doch als die Finidoris irrtümlich einen Tag zu früh auftauchen, der Kühlschrank leer und die Wohnung in einem unzumutbaren Zustand ist, droht alles aus dem Ruder zu laufen. Zu allem Überfluss ruft auch noch das schreiende Kind immer wieder nach den Eltern und eine andere Forschergruppe scheint Henri auf seinem Gebiet überflügelt zu haben. Der Abend, der unter denkbar chaotischen Vorzeichen beginnt, wird vom Zuschauer drei Mal in unterschiedlicher Stimmung erlebt, wobei Kleinigkeiten und Unterschiede im Umgang mit der Situation zeigen, wie schnell sich Stimmungen drehen und bestimmte Situationen verändern beziehungsweise verschärfen oder entspannen können. (clp)

 


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